Photo turned story: “Das Schloss hinter der Zeit”

Photo turned to StoriesDark nights, scary nights – nothing better than to snuggle up on the sofa with a good story!

Then get ready, as Swantje Berndt has something appropriately dark and moody for you. First up the photo, which inspired her (German) story. Enjoy it!🙂

Das Schloss hinter der Zeit

by Swantjesgeschichten

Die Brücken zwischen den drei einzig möglichen Existenzformen waren schmal und schwankend, für jeden, der sie zum ersten Mal beschritt. Liv tanzte seit Anbeginn der Welt  über sie und so achtete sie nicht mehr auf die Abgründe, die sich unter ihren Füßen auftaten.

Der Ort zwischen Zeit und Traum, Leben und Tod schrumpfte hinter ihr zu einem Schattenriss zusammen. Heute drehte sie ihrem Zuhause den Rücken nur zu gern zu. Futter! Ihr Magen knurrte, obwohl sie ihn ständig mit Sterben stopfte.

Ziel ihres Ausflugs war ein üppig gedeckter Tisch. Der Zentralfriedhof in Wien. Was unter der Erde moderte, interessierte sie nicht. Sie wollte kein Aas. Es verlangte sie nach frischer Kost und die kam mit Vorliebe freiwillig zu den längst Verrotteten. Tränen, Schwüre, halbherzige Liebesversicherungen und Reuebezeugungen, die ihre Opfer am Ende selbst glaubten, troffen von tränenfeuchten Lippen.

Sie provozierte Heuchelei.

Dabei war sie das Gegenteil davon.

Echt, nah, unabänderlich, treu bis in den Tod.

Liv lachte lauthals über ihren eigenen Scherz. Die Brücke ächzte unter ihren zierlichen Füßen, doch bevor das Holz brach, würde die Welt versinken.

Ein Meer aus Gold. Durchzogen mit silbernen, straff gespannten Bändern. So präsentierte sich der Friedhof in seiner herbstlichen Pracht. Liv gönnte sich den Spaß, von der letzten Planke direkt auf das Steinkreuz eines Grabes zu hopsen. Das Leben gehörte ihr. Vom ersten Schrei bis zum letzten Atemzug. Der Zierrat verzweifelter Seelen, die sich einbildeten, das Unabänderliche aufhübschen zu müssen, war mit inbegriffen.

Eine Frau mit Kopftuch stapfte vorbei. Sie hob nicht den Blick, weil sie ihre Zukunft aus ihrem Alltag ausblendete. Liv winkte ihr dennoch. Das war ihr Job. Eine eingeschüchterte Seele nickte ängstlich und versprach, sich demnächst auf den Weg zu machen. Brav. So sollte es sein.

Es war nichts dabei, über eine der Brücken zu gehen. Diejenige, die zum Tod führte, war am stabilsten. Die zum Traum wackelte und bröckelte stückchenweise in den Abgrund und die zum Leben war nur Illusion. Wer nicht schweben konnte, hatte Pech gehabt.

Liv schlug die Beine unter und stützte ihr Kinn in die Hände. Zu warten hatte sie früh gelernt und mit der Zeit perfektioniert. Es wurde Nacht, die Pforten schlossen sich und bis auf ein paar Hände voll Mäusen, einem Fuchs und zwei kreischenden Mardern war sie allein. Aus den Gräbern drang nur Stille hinauf. Für ihre Insassen waren Worte überflüssig geworden. Für Liv ebenfalls und auch für alle Kandidaten, die auf ihren Wink warteten, ohne davon zu wissen.

Nur eine Geste. Liv malte sie in die Luft und ein Uhu fiel aus den Zweigen der Linde hinter ihr. Verdammt, sie hatte es nicht ernst gemeint, wollte nur ihr Handgelenk geschmeidig halten. Gedanklich setze sie den Nachtvogel auf die imaginäre Liste ihrer Gesellschafter und strich ihn sofort wieder durch.

Das Mondlicht wanderte über schlichte Marmorplatten und Sandstein-Monumente. Von fern klackte etwas Hartes an Gusseisen und wurde von einem angestrengten Atem begleitet. Jemand kletterte über das Tor zum Haupteingang.

Interessant.

Eine Mutprobe? Eine Romanze zwischen Gräbern, die statt Liebe Leere mit sich schleifen würde?

Ein Blutritual verwirrter Geister, die sich in Livs Tradition stellten, und nicht den Hauch einer Ahnung von ihrem Handwerk besaßen?

Magie war Leben. Leben war Liebe. Liebe kreuzte den Tod in den unterschiedlichsten Momenten. Ob dem Uhu dieser Zusammenhang einleuchtete, als er vom Baum fiel?

Schritte auf knirschendem Kies näherten sich und das Geräusch stellte Liv die Haare zu Berge. Der Tod liebte die Stille. Warum hörte niemand auf ihren Rat und plante für den Acker fertig Gelebter Sandwege? Selbst Asphalt wäre eine Alternative aber Kies? Das Knirschen zog bis in ihre Zähne.

Ein junger Kerl. Keine zwanzig. Mit federnden Schritten forderte er den Hauptweg heraus, der nicht daran dachte, sich ernsthaft mit einem Grünschnabel anzulegen.

Eine entschlossene Miene, nach hinten gespannte Schultern und zu viel Entschlossenheit in dem vorgereckten Kinn.

Ein Heißsporn. Liv rollte das veraltete Wort in ihrem Mund von der einen Wange in die andere. Es schmeckte angestaubt und vertraut. Wie das Vorhaben des Mannes, der eine Pistole aus der Jackentasche zog und sich breitbeinig vor ein frisch ausgehobenes Grab stellte. Morgen stapelten sich neben dem schwarzen Loch Kränze und Schärpen oder nur einzelne Rosen von Menschen, die den Toten innig geliebt hatten.

Wer wird dort liegen?

Liv sprang aus dem Schatten der Zeitlosigkeit, damit ihr Gesprächspartner nicht mit Nichts reden musste. Der Mann zuckte zusammen und wurde bleich um die Nase. Misstrauisch musterte er Liv von dem eisgrauen Scheitel bis zum krallenbewehrten Zeh. Der Tod war nicht schön aber extravagant und sein Reiz lag zweifelsfrei in tieferen Ebenen. Grabestiefe.

Es fiel Liv nicht schwer, den Mann anzulächeln. Er war schön wie einer der seltenen Morgen, die einen an Märchen glauben ließen.

Seine Locken wehrten sich gegen die Kapuze, in die er sie eingezwängt hatte, und fielen ihm in die Stirn. Liv zog den überflüssigen Stoff von seinem Kopf.

Wer wird morgen hier drin Würmerfutter?

„Ein Freund.“ Seine Stimme klang rau vor Kummer und Liv wurde von einer Gänsehaut der feinsten Sorte überzogen. Pathos, sinnfreie Hingabe an eine vollkommen unnütze Schuld und ein tief wurzelndes Bedürfnis sich für etwas zu bestrafen, das nie in der eigenen Hand gelegen hatte. Menschen waren schlicht gestrickt aber nahrhaft.

Warum meinst du, ihm folgen zu müssen?

Das Spiel begann ihr Spaß zu machen.

„Ich hätte für ihn sterben müssen“, sagte ihr neuer Bekannter leise und wunderte sich nicht darüber, dass er nach Mitternacht eine einsame Frau auf dem Friedhof antraf.

„Er hat sich auf mich verlassen und ich habe nicht aufgepasst. Eine enge Kurve …“

Gütiger! Standard? Klischee? Bei diesen wundervollen Locken und der vielversprechend Kummer umwölkten Stirn?

Liv hob die Hand und die ungesagten Worte ihres Beinahe-Mahls flüchteten erschrocken zurück in die noch feuchte Kehle.

Schuld gemischt mit Reue und Starrsinn obendrein ergab einen bitteren Nachgeschmack. Liv war nach Süße. Nach Prickeln und einem Bukett an Überraschung beim Schlucken.

Geduldig erklärte sie dem Heißsporn die Zusammenhänge des Schicksals und damit den Unsinn seiner geplanten Tat. Kaum kroch die Herbstsonne über den Horizont glaubte er ihr, steckte die Waffe ein und ging nach Hause.

Es würde Jahre dauern, bis er begriff, dass jedes einzelne Wort von ihr eine Lüge war aber bis dahin hatte sich hoffentlich das Bittere aus seinem Aroma verflüchtigt.

Mit Hoffnung, eingeflößt mit einem Löffel aus Logik und gewürzt mit einer Prise Philosophie, ließen sich sämtliche Zweifel aus den wankelmütigen Herzen vertreiben. Zu spät merkten die Menschen, dass sie von Beginn an richtig gelegen hatten.

Die Zeit verstrich, obwohl es sie nicht gab. Liv beobachtete die potenziellen Kandidaten für ihr Gelage, aber keiner überzeugte sie.

Aus einer der Grabreihen schräg hinter ihr drang das quengelnde Bitten eines Kindes, Opa schnell abzuhaken, damit es seine Lieblingsserie nicht verpasste. Wozu quälten die Menschen Kinder zum Friedhof? Liv sprang auf, balancierte auf den Fußspitzen und gewahrte ein Mädchen in schwarzer Strumpfhose, Minirock und Bärchenjacke. In ihren Ohren steckten Kopfhörer und ihr Kinn bewegte sich zu dem Takt der für alle anderen stummen Musik.

Ein Paradoxon.

Liv lächelte.

Stumme Musik war wie totes Leben oder ein lebendiger Tod.

Ungreifbar für die zusammenhangsverliebten Menschen und daher ein Witz, den Liv gerne und oft auf Kosten der Sterblichen ausposaunte.

Die Kleine war zwölf. Höchstens. Motiviert, aufbegehrend, gerade auf den Tod gelangweilt und alles in allem ein köstlicher Happen.

Liv tropfte der Zahn.

Was auch immer für eine Musik sie hörte, sie würde das Leben in Schwingung versetzen und es dadurch auf Livs verwöhnter Zunge prickeln lassen wie Champagner.

Ich wohne in einem Schloss, rief Liv zu den noch fremden, bald sehr vertrauten Gedanken. Unzählige Räume, in denen du stöbern kannst und Dinge finden wirst, die du noch nie zuvor gesehen hast.

Ihr Silberbesteck zum Beispiel und die kristallenen Vorlegeplatten. Auch den zwölfarmigen Kerzenleuchter, der das Mahl in ein flackerndes Licht tauchte, würde das Kind begeistern. – Wenn es zu diesem Zeitpunkt noch Augen hätte.

Das Mädchen sah sich um, bis es in Livs Richtung blickte. „Echt?“ Es schlenderte hinter dem Rücken seiner Eltern über das regennasse Gras, umrundete einen Strauch und ließ eine Laterne links liegen, bis es vor Liv stand. „Ein Schloss mit Dienern, tausend Schlafzimmern, Whirlpool und Sonnenterrasse?“

Ich sagte Schloss, nicht Wellness-Hotel.

Die Enttäuschung der Kleinen kam und ging. Das Leben steckte ihr noch tief in den Knochen und flimmerte durch den jungen Körper. Gedanklich rückte Liv ihren Teller zurecht und faltete die Serviette zu einem Fächer.

„Viel Zeit habe ich nicht.“ Das Mädchen schob die Hände in die Jackentaschen. „Wenn meine Ellis mitkriegen, dass ich weg bin, drehen sie am Rad.“

Nicht an meinem. 

„Aber an meinem“, sagte das Mädchen trotzig und reckte ihr rhythmisches Kinn höher. „Wo ist dein Schloss?“

Liv zeigte auf das weiße Gebäude, das hinter den ersten Herbstnebeln langsam sichtbarer wurde. Das Kind blähte die Wangen. „Ist um die Ecke. Krass. Leg einen heißen Kakao mit Sahne und einen Donut drauf und wir kommen ins Geschäft.“

Oh süße Gier der zeitlich Begrenzten. Gepaart mit unstillbarer Neugierde und einem Hang zum sinnlosen Tun gaben sie die perfekte Beute ab.

Liv sprang von dem Grabstein und landete für die Augen des Kindes federleicht neben ihr. Wir müssen rennen, wisperte sie ihrem baldigen Hauptgang in die Seele. Deine Eltern suchen dich bereits. Tatsächlich rief eine Männerstimme zuerst ärgerlich, dann besorgt nach dem Kind.

Jessica.

Liv setzte gedanklich auch diesen Namen auf eine Liste und schrieb eine kleine ‘zwei’ oberhalb des A’s.

  1. im Fokus
  2. in Arbeit
  3. erledigt/verschlungen

Sie nahm das Mädchen an die Hand und gemeinsam rannten sie auf Livs Lieblingsbrücke zu. Jessica gingen die Augen über als sie statt Häusern und Straßen unter sich bodenlose Leere wahrnahm. Ein Hauch Angst mischte sich in die Abenteuerlust. Delikat wie die Prise eines elementaren Gewürzes, ohne das jede Speise fad schmeckt.

„Ich kann nicht lange bleiben“, murmelte sie eingeschüchtert. „Nur eine Stunde, okay?“

Zeit.

Das Portal öffnete sich und Liv zwang das Mädchen zu einem letzten Tanz über kalte Stufen.

Keine Zeit.


Dark, right? What did you think of it? Please leave a comment!

You can read more stories by Swantje, the author, here: Swantjes Geschichten.

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